„Verhüllung ist Verheißung“ – zum Tod von Christo

08.06.2020 | Kunst

Es war sein Traum und sollte gleichermaßen ein nach Hause kommen werden: die für dieses Jahr geplante Verhüllung des Arc de Triomphe in Paris. Da, wo alles begann …

Postkarte Christo
Der aus Bulgarien geflohene Kunststudent Christo Wladimirow Jawaschew tauchte 1958 in die Kunstszene von Paris ein, bewohnte eine enge Kammer und verdiente seinen Lebensunterhalt mit Porträtmalerei. Parallel entstanden erste Verpackungs-Objekte. Er arbeitete mit lackgetränkten Tüchern, umwickelte diese mit Schnüren, nannte sie „Inventar“, strich die beiden letzten Namen und war Christo – der Verpackungskünstler. Später wurde daraus untrennbar „Christo und Jeanne Claude“. Am 31. Mai verstarb er – ebenso wie seine Frau am 13. Juni 1935 geboren – in New York, elf Jahre nach Jeanne Claude.

Uns Deutschen hat er einen entspannten Umgang mit allzu monumentaler und geschichtsbeladener Architektur gelehrt, als im Sommer 1995 der Berliner Reichstag für 14 Tage unter silbern glänzendem Stoff mit elegantem Faltenwurf verschwand. Im gleichen Jahr wurden Christo und Jean Claude Ehrenmitglieder im Verein der Berliner Künstler (VBK) und bestätigten dies freudig zum Jahreswechsel `94 mit einer Briefkarte aus New York. „Sie taten dies erst- und einmalig, weil sie von der Geschichte und der internationalen Arbeit des Vereins überzeugt waren. Bereits der Architekt des Reichstagsgebäudes Paul Wallot war Ende des 19. Jahrhunderts Mitglied,“ erklärt Sabine Schneider, Vorsitzende des VBK, der sich als ältesten Künstlervereins Deutschlands seit 175 Jahren für Kunst und Künstler in Berlin engagiert. Durch die Ehrenmitgliedschaft stellte der VBK Christo und Jeanne Claude in die historische Reihe der künstlerischen Gestalter des Reichstages. Denn auch der Bildhauer Reinhold Begas, der an den Figuren des Gebäudes mitwirkte, war Mitglied des Vereins.

Emotional und mit unendlicher Energie

„Der Tod von Christo hat uns betroffen und traurig gemacht. Schauen wir doch auf acht Jahre intensiver Zusammenarbeit mit ihm zurück. Er war ein emotionaler Mensch mit unendlich scheinender Energie und nie enden wollendem Ideenreichtum,“ sagt einer, der ihn gut kannte: Robert Meyknecht macht aus den Ideen und Skizzen des Künstlers reale Installationen aus Stoffen, die fliegen oder auf dem Wasser schwimmen können. „Das erste gemeinsame Projekt war das Big Air Package im Gasometer in Oberhausen. Und der Höhepunkt unserer Zusammenarbeit waren The Floating Piers auf dem oberitalienischen Lago d’Iseo,“ erinnert sich Meyknecht. Mit seinem Team fertigt er in Lübeck passgenau die Stoffe, die später so locker-lässig Wasser, Luft und Mauern verhüllen. Die Vorbereitungen für die Arbeit am Arc de Triomphe laufen auf Hochtouren. Das Projekt wurde im Zuge der Corona-Pandemie bereits auf das kommende Jahr verschoben. Es gibt eine große Anzahl an Zeichnungen, erklärt Meyknecht, „so dass wir seine Gedanken und Ideen in stoffliche Realität umsetzen können“.

Für die Floating Piers wurden 70.000 Quadratkilometer orangefarbener Stoff über schwimmende Pontons gespannt, die einen Steg quer durch den Iseo See bildeten. Unglaubliche 1,3 Millionen Besucher sind innerhalb des 16-tägigen Projekts darüber gelaufen und haben eine kleine italienische Provinzstadt in den Ausnahmezustand versetzt.

Floating Piers – ChristoJetzt also Paris – ohne Christo. Emmanuel Macron hat zugestimmt, Paris freut sich und „wir möchten, dass er zufrieden sein wird, wenn er uns von ganz oben zuschauen wird. Und dann, sehr emotional -wie immer- das eine oder andere noch korrigiert sehen möchte,“ dann hofft Meyknecht, „diese Wünsche zu spüren und die richtigen Entscheidungen zu treffen.“ nh

Robert Meyknecht war im letzten Jahr Keynote Speaker auf dem von Design Lodge veranstalteten Biz Dialogue. Dabei ging es u.a. um die Notwendigkeit neuer Denkansätze und kreativer Prozesse für Retaildesign und Markenräume. Mehr dazu hier.

Karte: Christo und Jeanne-Claude: Surrounded Islands, Biscayne Bay, Miami, Florida, 1980-83.
Foto: Wolfgang Volz ©Gabriel. Archiv/VBK Vielen Dank für die freundliche Genehmigung der Abb.
Alle Fotos: Wolfgang Volz