Trend: Chanel ohne Defilee

10.06.2020 | Trend

Es gibt keine klassische Show für die Cruise Collection 2020/2021 von Chanel, dafür eine digitale Präsentation. Die entschleunigt. Und zeigt eine Marke, die dabei ist, sich von zu viel Tamtam zu befreien. Reduktion als Aufbruch.

Chanel macht den Anfang in der High Fashion und zeigt als die erste Cruise Collection 2020/2021. Die gibt’s nur per click zu sehen. Kein Defilee, keine Inszenierung und kein tosender Applaus. Stattdessen werden die 51 Looks wahlweise vor einem spiegelglatten Meereshintergrund oder der Balustrade einer mediterran anmutenden Terrasse gezeigt. Eine Windmaschine bringt etwas Bewegung ins lose hängende Model-Haar, die Kameraeinstellung bleibt immer gleich. Alles wirkt wie ein 70er Jahre Mustertapeten-Setting. Die Models lächeln schüchtern und haben so gar nichts von dem lasziv-erotischen Hüftschwung der glamourösen Hadid-Schwestern, die bis vor kurzem noch die Chanel-Schauen dominierten. „Balade en Méditerranée“ hat Design-Chefin Virginie Viard die Kollektion genannt. Begleitet wird sie von einem Mood-Filmchen mit Blüten, Wellen und Gemäuer. Erinnert an Urlaubsbilder, geknipst mit der Kodak Instamatic.

Die virtuelle Modenschau hat keine Dramaturgie, keinen Spannungsbogen, der in einem fulminanten wie emotionalen Abschluss gipfelt. Begleitet von in die Höhe gehaltenen Smart-Phones, um sekundenschnell alles Gesehene auf Instagram, Facebook & Co. zu posten – Fehlanzeige. Kein Style, kein ich-war-dabei-Post landet auf Social Media. Und genau das ist es, was diese spröde, etwas holprige Show so revolutionär macht: Eine Marke auf sich selbst zurückgeworfen. Es geht nur um Blusen, Röcke, Hosen und Jacken. Vielleicht noch ein paar Accessoires. Keine saisonale Chanel-Inthronisation. Nur 51 Kombinationen, die ab November in den Boutiquen erhältlich sind. Für die Kollektion wurden Stoffe verarbeitet, die verfügbar waren. Das war in Krisenzeiten immer so. Hier zeigt sich der Kern einer Marke. Hat sie den Mut, auf alles Überflüssige zu verzichten und sich dem zuzuwenden, was angemessen und echt ist? Virginie Viard hat sich ganz offensichtlich entschieden, einen neuen Weg zu gehen. Der inszenierte Perfektionismus eines Karl Lagerfeld weicht immer mehr einer entspannten Leichtigkeit. Schließlich war es Mademoiselle Chanel, die anstatt geschnürter Taille und steifen Kragen weich fallende Röcke und Blusen mit großen Taschen entwarf. Aus ihrem Lieblingsstoff Jersey. Eigentlich für Männerunterwäsche gemacht. Aber in schwierigen Zeiten eben preiswert zu haben. „Ein gut geschnittenes Kleid steht jeder Frau“, so das Credo von Coco Chanel. Die Cruise Collection trägt viel von dieser Entstehungsidee in sich. Nicht vor sich her. Das macht sie besonders. nh